Interview im KULTURTIPP

"Soll ich alles auf die Geige setzen?"

Interview im Kulturtipp

Die 17-jährige Schweizer Geigerin Elea Nick ist auf gutem Weg.
In der Tonhalle spielt sie mit den Zürcher Symphonikern das Violinkonzert von Peter Tschaikowsky.


In der halben Welt gespielt, Wettbewerbe gewonnen, gar im Hallenstadion aufgetreten: Die Kurzbiografie der 17-jährigen Elea Nick macht schwindlig. Doch die Schweizer Geigerin weiss sehr genau: So famos sie auch Geige spielt, so schön das Palmares ist: Sie ist erst am Anfang.

Wichtige Weichen sind bereits gestellt

Elea steht vor entscheidenden Entwicklungsjahren: Es gilt, Dirigenten vorzuspielen, Orchester anzufragen, Werbung zu machen und Stiftungen anzugehen. Ihre Mutter ist damit viel beschäftigt, denn Cornelia Nick weiss: Je mehr Elea auftritt, desto besser kann sie sich entwickeln. Jetzt ist die Karriere fortgeschritten. Gewiss, bereits sind wichtige Weichen gestellt. Nichts Geringeres als eines der grössten Schlachtrösser der Musikliteratur, das Violinkonzert von Peter Tschaikowsky, wird sie am 1. November in der Zürcher Tonhalle spielen.

Doch bei allem Zauber rund um diese Auftritte bleiben viele Fragen offen. Zum Treffen in Oerlikon erscheint Elea Nick ohne Geige, dafür mit dem Schulrucksack. Für die junge Frau ist die Erwachsenen-Matur der einzige Weg, Schule und Geigenspiel unter einen Hut zu bringen. Mehr oder weniger jedenfalls. Elea ist nicht der Typ, der etwas halbbatzig macht. Das ist keine Floskel: Sechs bis sieben Stunden Geigenspiel pro Tag sind der Richtwert in ihrem Leben – seit Jahren. Deshalb stellt sie sich die Frage: «Soll ich alles auf die Geige setzen, die Matur erschieben?
»Falls es mit dem Geigenspiel tatsächlich nicht klappt, bliebe noch Zeit für die Matura. Doch diesen Gedanken gibt es offiziell nicht. Elea ist nicht zufällig Schülerin der Pädagogen-Legende Zakhar Bron: «Wer mit zwölf Jahren zu Bron kommt, will Solistin werden. Ich arbeite seit zehn Jahren darauf hin. Es ist gar keine Frage, ob ‹Ja› oder ‹Nein›.»
Gemünzt auf irgendein 17-jähriges Mädchen, das eine Lehre als Köchin beginnen würde hiesse das: «Ich will in zehn Jahren meinen ersten Michelin-Stern.»

«Den Konkurrenzkampf führen die Eltern»

Nicht mal den Gedanken ans Orchesterspiel lässt Elea zu. Die Alles-oder-nichts-Idee ist verinnerlicht, da mögen noch so viele grossartige, junge «Geiger-Genies» auf den Markt drängen … und scheitern. Mit einigen von ihnen sass sie für kurze Zeit im Orchester LGT Young Soloists – und genoss es, obwohl das alles ihre Konkurrenten auf dem Geigerweltmarkt waren. Doch Elea winkt ab: «Den Konkurrenzkampf führen die Eltern.» Anders gesagt: Geigen-Diven mögen um den Thron kämpfen, wer aber 17 ist und «nur» hochbegabt, hat mit den anderen Hochtalentierten viel gemeinsam. Das eint.

Ein harter Weg, denn selbst mit Wettbewerb-Trophäen aus Nowosibirsk, Busan oder Verona sind Konzertengagements nicht zugesichert. Dennoch wäre es falsch, Wettbewerbe zu meiden: «Es gilt, viele Programme auf Top-Niveau zu erarbeiten – das ist ein ideales Training für mich. Bei Wettbewerben geht es vielleicht mehr um die Vorbereitung als um den Sieg», sagt Elea. Wer erst bei diesen Worten den Vergleich mit Spitzensportlern zieht, ist ein Träumer.

Ein Top-Wettbewerb als Zwischenziel

Wirklich karriereentscheidend sind nur zwei, drei Top-Wettbewerbe – etwa der «Queen Elisabeth». Dort in Brüssel war sie sogar schon, wenn auch erst als staunende Zuhörerin. Doch dieses Podium ist ein Ziel – und der Respekt davor enorm: «Wer nach Brüssel geht, muss extrem gut vorbereitet sein, muss sicher sein, was er macht: Da geht man nicht einfach so zum Spass hin.»

Vor einem Wettbewerb gibt ihr der 68-jährige Zakhar Bron die entscheidenden Impulse. Ein Papst. Mindestens. Daneben ist kaum Platz für andere, obwohl jedem Geiger Ideen gut tun, die ausserhalb des Bron-Universums liegen. Kein leichtes Spiel, gerade weil in den letzten 20 Jahren viele Geiger und vor allem Geigerinnen international triumphierten, die aus anderen Schulen kamen: Sie zelebrierten nicht die perfekte Virtuosität, sondern spielten weicher und verinnerlichter – weniger brillant, weniger virtuos.

«Es ist nicht meine Welt», sagt Elea dazu so klar wie ehrlich, und fügt entschuldigend, aber auch etwas stolz an: «für mich als Bron-Schülerin». So spielt sie denn die grossen Violinkonzerte mit grosser Geste, füllig-perfektem Ton. «Ich muss so spielen, dass ich davon überzeugt bin, dann kann ich etwas rüberbringen. Mein Spiel muss bei den Leuten ankommen.»

Von Christian Berzins
Erschienen im KulturTipp, Oktober 2016
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